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Filmkritiken und Essays

Der Atem des Himmels

Freitag, 3. September 2010

Der Atem des Himmels

Rosamunde Pilcher in Vorarlberg

Der Heimatfilm rund um das historische Lawinenunglück von 1954 will großes Liebesdrama sein, ist aber vor allem seichtes Geplänkel vor hübscher Kulisse. Schöne Naturaufnahmen machen eine vorhersehbare Geschichte, stereotype Charaktere und bemerkenswert schlechte Schauspieler nicht wett.

Nach dem Tod ihres Vaters verliert die verarmte Adelige Erna von Gaderthurn (Beatrice Bilgeri) 1953 das Familienschloss in Südtirol. Anstatt mit ihrer dominaten Mutter (Krista Stadler) zusammenzuziehen, erfüllt sie sich den Traum, Lehrerin zu werden. So verschlägt es sie in das kleine Vorarlberger Dorf Blons im Großen Walsertal.

Dort wird sie aufgrund ihrer aristokratischen Erscheinung erst einmal kritisch beäugt, lebt sich im archaischen Bergleben jedoch bald ein. Hilfreich sind dabei auch zwei Männer, die beide um ihre Gunst buhlen: Der reiche und einflussreiche Großgrundbesitzer Baron von Kessel (Gerd Böckmann) sowie ihr eigenwilliger Lehrerkollege Eugenio Casagrande (Jaron Löwenberg), der auch Pflegevater der durch ein Lawinenunglück verwaisten Pia (Laura Bilgeri) ist.

Im ungewöhnlich warmen Jahr 1953, in dem der Winter lange auf sich warten lässt, geht es auch heiß in den Gemütern der Gemeindemitglieder zu. Casagrande setzt sich leidenschaftlich für stärkere Lawinenschutzmaßnahmen ein, Baron von Kessel will dafür benötigtes Land allerdings nicht hergeben und keine weiteren Sicherheitsvorkehrungen treffen. Doch auch wenn es lange Zeit noch so warm ist, der nächste Winter kommt bestimmt, und Erna muss sich entscheiden, wem ihre Gefühle gelten.

Figuren

Die Alpen sind schön und die Lawine ist beeindruckend. Vom Rest des Films kann man aber nicht mehr viel Interessantes berichten. Sämtliche Hauptcharaktere scheinen dem Standardrepertoire eines Rosamunde Pilcher Films entsprungen und bewegen sich in dementsprechend seichten Gewässern. Beispielhaft dafür ist schon allein die Hauptfigur Erna, die als romantische Heldin zu neunzig Prozent des Films nur eine Aufgabe erfüllt: Mit seeligem Lächeln durch die alpine Bergwelt zu schreiten und alle Geschehnisse mit Buddha-haftem Gleichmut zu betrachen.

Um sie herum (neben den rauen, aber eigentlich herzensguten Bergbauern), Eugenio Casagrande, ein Jazz-Saxophon-spielender, immer Baskenmütze tragender “Junger Wilder”, der unter seiner aufbrausenden Art natürlich ein großes Herz versteckt. Und nicht zu vergessen: Der Baron. Eine nähere Beschreibung ist hier eigentlich nicht nötig, denn wer einmal einen typischen Fernseh-Baron gesehen hat, hat ihn genau vor Augen. Das Einzige, was ihn vom tausendmal gesehenen Durchschnittsadeligen unterscheidet, ist seine Nazi-Vergangenheit, die a) als Erklärung für seine standhafte Weigerung, das Dorf Blons effektiv vor Lawinen zu schützen herhalten soll, aber in keinerlei erkennbarem Zusammenhang dazu steht und b) bei seinem Erscheinungsbild in etwa so glaubhaft ist, als würde man einem überkandidelten Teddybären ein Schild mit der Bezeichnung “Bösewicht” umhängen.

Entwicklung

Passend zur stereotypen Charakterauswahl ist auch die Figurenentwicklung. Sie findet schlicht nicht statt. Außer bei den beiden Gehilfen des Barons, die gegen Ende des Films ohne jede Vorankündigung Reue zeigen, sich entschuldigen bzw. gleich umbringen. Abgesehen davon gibt es keinerlei Überraschungen. Für wen sich Erna entscheidet, wer am Schluss umkommt und wer nicht, ist von Anfang an klar. Selbst die Liebesgeschichte hat keinen erkennbaren Reiz. Romantik, Prickeln, nachvollziehbare Zuneigung? Nicht vorhanden.

Dazu drehen sich die Konflikte zwischen der Fraktion der Guten und der Bösen ständig im Kreis. Eugenio verdeutlicht die Lawinengefahr, der Baron will nichts dagegen tun. Und so geht es immer weiter, bis über zwei Stunden durchgestanden sind und die Lawine dem Ganzen ein Ende setzt. Obwohl, noch nicht ganz. Danach wird natürlich doch wieder alles gut, bis die Kinder wieder glücklich Hand in Hand über die satten Bergwiesen tollen.

Und würde nicht all das schon für genügend unfreiwillige Komik sorgen (und die besten (Sex-)Szenen seien hier noch verschwiegen), leistet sich der Film noch den Luxus eines Darstellerensembles auf Laientheaterniveau. Schon in den ersten Minuten darf man sich fragen, ob man hier in einer Dorfgasthausvorstellung oder doch tatsächlich in einer Millionen schweren Filmproduktion sitzt. Wie es sein kann, dass bei einem Budget von sagenhaften 4,5 Millionen Euro kein einziger namhafter und/oder guter Schauspieler Eingang in die Produkion fand, muss wohl vorerst ein Geheimnis bleiben. Die einzig erwähnenswerte Ausnahme von der Regel ist die tatsächlich erschreckende Mutter des Barons, gespielt von Julia Gschnitzer.

Bilgeri Productions

Wenn bei diesem Film “Bilgeri Productions” draufsteht, ist auch wahrlich jede Menge Bilgeri drin: Reinhold Bilgeri schrieb den zum Bestseller avancierten Roman über die Lebengeschichte seiner Mutter und verfilmte ihn als Drehbuchautor, Produzent und Regisseur. In der Hauptrolle ist seine Frau Beatrice besetzt, in einer prominenten, aber dramaturgisch so gut wie überflüssigen Nebenrolle seine Tochter Laura. Selbst das Presseheft besteht ausschließlich aus Texten Reinhold Bilgeris.

Hier hat sich offenbar jemand mit großem Aufwand einen Traum erfüllt. Darüber kann sich nicht nur er, sondern auch – besonders, wenn im Abspann noch einmal die schönsten Filmlocations samt Namen eingeblendet werden – das Tourismusamt Vorarlberg freuen. Für den Rest ist es ein zweifelhaftes Vergnügen.

Kinostart Österreich: 3. September 2010

Noch kein Kinostart für Deutschland bekannt.

Von Carolin Färber

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Regie und Drehbuch: Reinhold Bilgeri

Erna von Gaderthurn: Beatrice Bilgeri

Eugenio Casagrande: Jaron Löwenberg

Baron von Kessel: Gerd Böckmann

Pia: Laura Bilgeri

Ernas Mutter: Krista Stadler

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